n der Nacht des 20. Aprils 1974 sollte am Fuße des Elburs-Gebirges in Persien ein ganz besonderes Kind geboren werden.

Bereits am Tag hatte sich die gesamte Familie versammelt. Aus der ganzen Stadt kamen Familienangehörige, von denen man fast schon vergessen hatte, dass es sie gab, so viele waren es. Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins, Nichten und Neffen und, nicht zu vergessen, all die Angehörigen zweiten bis fünften Grades, an deren Existenz selbst die Oma ihre Schwierigkeiten hatte, sich zu erinnern. Alle hatten Geschenke mitgebracht: Blumen für die Frauen, Gebackenes für die Kinder und Opium für die Männer. Es war ein wirklich großes Fest.

Das Kind, dessen Ankunft so gefeiert wurde, war nicht irgendein Kind. Die Oma dieses Kindes war eine bekannte Märchenerzählerin der Stadt, die sich schon lange Zeit Sorgen um ihre Nachfolge machte. Eines Tages, als sie gerade im Garten die Rosen schnitt, war ihr eine Gestalt erschienen. „Du wunderschöne Erscheinung! Wer bist Du?! Und womit habe ich Deinen Anblick verdient?“, fragte die Oma erstaunt. „Ich bin Schehrazade, die Frau, mit deren Geschichten aus 1001 Nacht Du so viele Jahre Groß und Klein in Deiner Stadt erfreut hast.“ „Allah sei Dank, dass mir Dein Anblick noch zu Lebzeiten zuteil wird!“, erwiderte die Oma. „Der Grund meines Besuchs ist Dein Kummer, liebe Frau. Sorge Dich nicht! Das nächste Kind, das den Weg in Deine Familie findet, soll Dein Nachfolger werden und die Geschichten nach Deinem Tod in die Welt hinaus tragen.“

Tatsächlich kam in der besagten Aprilnacht ein Junge zur Welt, dem man den Namen Alireza gab. Alle kamen, um das Kind zu sehen, von dem die Oma seit der verheißungsvollen Begegnung unablässig sprach. Sie legten das Kind in ihre Mitte und tanzten und feierten bis zum Morgengrauen. Da nahm die Oma das Kind in ihre Arme und begann, ihm das erste Märchen seines Lebens zu erzählen. Auch am nächsten Tag nahm die Oma es zu sich und erzählte dem kleinen Jungen eine weitere Geschichte, wie auch am übernächsten Tag, und so ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr.

„Oma, die Sonne scheint, die anderen Kinder spielen Fußball! Ich will auch spielen gehen!“, rief der kleine Ali. „Nein, mein Sohn“, antwortete die Oma. „Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Meine Tage neigen sich dem Ende zu und es gibt noch so viele Geschichten, die ich Dir mitgeben muss.“ „Aber Oma“, maulte Ali, „Du erzählst doch bloß Märchen! Nur Du glaubst an diese komische Shehrazade-Geschichte. Die Kinder lachen mich deshalb schon aus.“

Als der kleine Ali sechs Jahre alt war, starb seine Oma. Er war sehr traurig, doch von nun an konnte er so viel spielen wie er wollte, so dass sein Kummer schnell verflog. Doch oft dachte er vor dem Einschlafen an seine Oma und an die seltsame Geschichte, die sie um ihn gesponnen hatte, und ein kleiner Rest eines geheimnisvollen Gefühls wollte ihn nie verlassen.

Jahre vergingen und Ali wurde erwachsen. Eines Nachts erschien ihm die Oma im Traum. „Ali, hast Du Deine Aufgabe vergessen? Du machst den ganzen Tag nichts als rumlungern.“ „Oma! Ich arbeite!“ „Die Geschichten müssten mittlerweile in Dir herangereift sein. Der Zeitpunkt ist da! Du musst anfangen, zu erzählen, mein Junge.“

Ali öffnete seine Augen. Neben sich sah er seine schöne Frau liegen. Er küsste sie zärtlich, sie machte die Augen auf. „Möchtest Du eine Geschichte hören?“, fragte er sie. Überrascht antwortete sie: „Oh ja, erzähl mir eine Geschichte!“

Und Ali begann zu erzählen: „Bismi Allah Al Rahman Al Rahim, im Namen Allahs, der barmherzig ist und gütig….…Es war einmal…“

Und hörte nie mehr auf…